Naomi Gregoris und Ursina Haller haben kürzlich einen wunderbaren Text im Das Magazin über Mutterschaft verfasst. DANKE dafür! (Wer lieber hören als lesen mag - hier gibt es eine sehr empfehlenswerte Apropos-Folge mit den beiden zum Thema).
Jedenfalls: Ihr Text hat mich dazu veranlasst, das Hamsterrad kurz anzuhalten und über meine eigene Mutter- bzw. Elternschaft nachzudenken. Es gibt nämlich immer wieder Dinge im Leben mit Kindern, die man sich niemals so vorgestellt hatte. Man (ich) hatte soweit gar nie überlegt. Meine eigene Vorstellung von Mutterschaft erstreckte sich vor (oder von mir aus: während) der ersten Schwangerschaft nur über die Baby- bzw. die Kleinkindzeit. Dass mein Kind mal eine Zahnspange brauchen würde, war ein rein hypothetischer Gedanke. Damit setzte ich mich nur kurz auseinander, als es um die Frage ging, ob wir fürs Kleinkind eine Zahn-Zusatzversicherung abschliessen sollten oder nicht (we did it, luckily).
Anyways. Ein paar Jahre später trägt K2 eine Spange (und temporär sogar einen Gips, aber das ist eine andere Story). Die Spange für den Oberkiefer ist seit ungefähr 3 Wochen in seinem Besitz, die Spange für den Unterkiefer seit 1 Woche. Wir sind in der semaine blanche, dank der Wetterkapriolen sogar ein paar Tage abgeschnitten. Aber das weiss ich am zweiten Tag der Ferien noch nicht - ein wunderbar sonniger Tag, den wir skifahrend verbringen. Da für die Woche sehr viel Schnee und Nebel angekündigt ist, geniessen wir jeden Sonnenstrahl und picknicken am Mittag draussen. K2 verstaut die Spange in seinem Schächteli, das beobachte ich.
Zuhause in der Ferienwohnung, irgendwann nach 16h, fällt mir auf, dass das Schächteli nicht in meinem Rucksack ist. K2 schaufelt draussen im Schnee. Ich schreie über den Balkon, ob er wisse, wo seine Spange sei. K2 steckt die Hand in seine Jackentasche, erbleicht und stammelt: "Aber vori hani se no im Sack gha".
Ich leere in der Wohnung den Rucksack aus. Nichts. Kein Schächteli. Ich schreie über den Balkon, die Kinder sollen im Schnee suchen. 10min später ist klar: Ich muss zurück zum Picknickplatz. Mit viel Glück und Goodwill von netten Mitarbeitenden erwische ich den allerletzten Sessellift um 16:45 ins Skigebiet. Unterwegs telefoniere ich mit dem lokalen Fundbüro und erhalte die Öffnungszeiten sämtlicher Touribüros mit Fundkisten. Für den späteren Abend ist starker Schneefall angesagt. Ich weiss - ich muss das verdammte Schächteli heute finden, und am Besten, solange es noch hell ist. Nachher schwinden meine Chancen rapide. Aber - es könnte überall sein!
Es ist schon sehr kalt. Ich werde von verschiedenen Leuten mehrmals und eindringlich vor den Pistenbullys gewarnt. Ich bin froh, alleine gekommen zu sein, denn effektiv: Genau hinter dem Picknickplatz fährt ein grosses Pistenfahrzeug. Ich untersuche die Bänkli - nix. Kein grasgrünes Schächteli. Ich überlege, ob ich im Restaurant fragen soll, denn K2 war dort noch auf dem Klo. Gern würde ich aber zuerst noch durch den Funpark hinter dem Picknickplatz. Dort spielten alle Ks auf grossen Gummireifen im Schnee. Nur - dort steht das Pistenfahrzeug. Ich nähere mich vorsichtig und warte ab. Irgendwann fährt der Bully davon. Ich steige über den ersten Schneehügel - und sehe etwas Grünes. Da! Das Schächteli. Genau da, wo vorher der Pistenbully stand. Ich öffne es - beide Spangen drinnen, sie sehen unversehrt aus. Ich stecke das Schächteli ein, hüpfe fast zurück zur Bergstation des Sessellifts, nehme mir einen Schlitten, sause damit über die Schlittelpiste in 10min zurück ins Tal, versorge den Schlitten an der Talstation, renne zum Dorfplatz, weil dort in 10min das Poschi fährt und erhalte am Dorfplatz noch den traditionellen Sonntags-Willkommensdrink: Einen Glühwein.
Ich hab 2 getrunken.
Und war pünktlich aufs Znacht wieder retour.
Und dass das Kind nun mit dem eingegipsten Arm das Schächteli nicht wird öffnen können (weil einhändig gehts imfall nicht!), wird die Sache künftig nicht erleichtern. Aber vielleicht muss ich nicht mehr im Schnee suchen, immerhin.
Und - nein, solche Stories wären mir nicht im Traum eingefallen, als wir uns für Elternschaft entschieden haben. Nicht. Im. Traum.




